Da hingehen, wo es schwierig ist

 

Bischof Hein besucht den Evangelischen Kirchenkreis Marburg

 

Von Karl-Günter Balzer

Gemeinsam sind wir spitze. Herzlicher Empfang für Bischof Hein (hinten zentral)  in der Kindertagesstätte Pusteblume in Ebsdorf (Foto: Karl-Günter Balzer)
Gemeinsam sind wir spitze. Herzlicher Empfang für Bischof Hein (hinten zentral) in der Kindertagesstätte Pusteblume in Ebsdorf (Foto: Karl-Günter Balzer)

Marburg. Es war ein Marathon. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Martin Hein war in Stadt und südlicher Hälfte des Landkreises unterwegs. An dreieinhalb Tagen  besuchte er Menschen und Einrichtungen des Kirchenkreises Marburg. Alleine für die Gespräche waren im Kalender 21 Termine mit einem Zeitumfang von 34 Stunden vorgemerkt. Begleitet wurde er von Propst Helmut Wöllenstein, der im Sprengel Waldeck und Marburg als Vertreter des Bischofs fungiert. Den Besuchsplan hatte Dekan Burkhard zur Nieden zusammengestellt. Und dabei verzichtete zur Nieden als geistlicher Leiter des Kirchenkreises mutig darauf, das vorzuführen, was glänzt. Stattdessen führte er den Bischof bewusst an Orte und zu Kontakten, an denen Hilfe, Unterstützung und Beratung durch die Landeskirche nötig ist. Drei davon sollen etwas genauer vorgestellt werden:

 

 

Die Jugendarbeit des Kirchenkreises hat in Stadt und Land sehr unterschiedliche Ausrichtungen. Während auf dem Land in Gruppen und Kreisen bereits für Kinder ein Angebot gemacht werden kann, sind in der Stadt ganz andere Voraussetzungen gegeben. Hier setzt die Jugendarbeit einen kräftigen sozialdiakonischen und jugendkulturellen Akzent. Bischof Hein wünscht sich eine stärkere Akzentuierung des evangelischen Profils und fragt im Jugendhaus compass, ob dieser Ort noch der richtige ist. Das Sperrholzmilieu des Jugendhauses, die Lage in der Stadt und die inhaltliche Ausrichtung findet er nicht mehr angemessen.  Aber anstatt zu sparen, schlägt er vor, Geld in die Hand zu nehmen und nach Kasseler Vorbild  eine Jugendkulturkirche einzurichten.

Ein anderes Projekt der Jugendarbeit findet die ausdrückliche Zustimmung von Bischof Hein. In Cappel arbeiten Jugendhaus und Kirchengemeinde ausgesprochen gut in der Betreuung von Flüchtlingen zusammen. Sprachkurse und Begegnungen im Jugendhaus, Familien- und Kulturabende im evangelischen Gemeindehaus  werden gerne von Flüchtlingen aus dem nahen Erstaufnahmelager angenommen. Auch zahlreiche Jugendliche und ehrenamtliche Mitarbeiter aus Cappel haben die Kontakte zu den Flüchtlingen als etwas Bereicherndes erlebt. „Sie haben selbst etwas davon!“ stellt der Bischof fest und erntet dafür zustimmendes Kopfnicken.

Dekan zur Nieden wünscht sich allerdings, dass es zu besseren Absprachen zwischen den verschiedenen Verantwortlichen in der Flüchtlingsbetreuung kommt. Zu viel läuft unverbunden und manches konkurriert. Mike Bodenstein, Leiter des evangelischen Jugendhauses, ergänzt, dass es nötig sei, die Kontakte nach Cappel in das unmittelbare Umfeld des Lagers zu erhalten. „Es ist superhilfreich, dass es hier so unkompliziert und unbürokratisch zugeht“, lobt eine Anna Raszkopf, Studentin und ehrenamtliche Mitarbeiterin, das Engagement der Evangelischen Kirche in Cappel.

Anerkannt ist die Arbeit der Klinikseelsorge im Universitätsklinikum. Prof. Dr. Rita Engenhardt-Cabillic, die Leiterin der Strahlentherapie, und Prof. Dr. Harald Renz von der Geschäftsführung des zum Rhön-Konzern gehörenden Klinikums betonen den hohen Stellenwert des seelsorgerlichen Angebotes der Kirche. Patienten, Ärzte und Pflegende haben häufig mit der Grenze von Leben und Tod zu tun.  „Hier brennt es immer!“ stellt auch  Klinikpfarrerin Marion Kohl fest. Sie weist darauf hin, dass es zurzeit nicht möglich ist, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Lediglich drei evangelische Seelsorger tragen den Dienst im Krankenhaus in Marburg, einem Klinikum, das im Jahr über 200.000 Patienten behandelt, davon 45.000 stationär. Konzepte, wie weitere Stellen geschaffen und finanziert werden können, sind allerdings noch nicht ausgereift.

 

Weitere Orte, die Bischof Hein aufsuchte, waren die Kindertagesstätte Pusteblume in Ebsdorf, der Religionsunterricht der Elisabethschule, die Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose des Diakonischen Werkes, ein Senioren-Wohnprojekt der Evangelischen Altenhilfe Elisabethenhof und die Telefonseelsorge. In der Pfarrkonferenz und mit Kirchenvorständen wurde über die Herausforderungen und Belastungen im Pfarrberuf und in den Kirchengemeinden gesprochen. Landrätin Kirsten Fründt, Bürgermeister und kommunale Verantwortliche waren weitere wichtige Dialogpartner für den Bischof. Beim Fest zum 100. Bestehen der Marburger Blindenanstalt traf er die Leitung der Blista, überbrachte Glückwunsche.

 

„Mumps auf dem Mars!“, so heißt eine der Zukunftsvisionen von GlaxoSmithKline (gsk). Schließlich bekam Hein noch einen Einblick in Wirtschaft und Arbeitsleben in der Region. Die jüngste Nachfolgefirma der Emil-von-Behringwerke stellt in der neugebauten Marburger Standorterweiterung (Mars) Impfstoffe her, unter anderem gegen den Mumps-Erreger. Bei einer Betriebsbesichtigung und in getrennten Gesprächen mit Geschäftsführung und Betriebsrat erhielt Hein einen Einblick in die Zukunftspläne von gsk. Wichtiges Thema waren aber daneben die 270 Entlassungen beim Besitzerwechsel von Novartis zum neuen weltweit operierenden Konzern, der sich nach eigener Aussage um eine gute Betriebskultur müht.

 

Und dann gab es noch die entspannenden Termine. Beim Konficup, dem Fußballwettbewerb der Konfirmandengruppen, trat der bekennende Fußballfan Hein den ersten Ball. Beim Marburger Nachtmarathon gab er zusammen mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies den Startschuss. Ganz am Schluss dann der Sonntagsgottesdienst in der Lutherischen Pfarrkirche. Bischof Hein predigt und gemeinsam mit Dekan Burkhard zur Nieden und Gemeindepfarrer Uli Biskamp teilt er das Abendmahl aus. Dorthin, in den Gottesdienst zu gehen, ist nur wegen des etwas mühsamen Aufstieges schwierig. Ansonsten ist es schön. (04.07.16)

 

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