Verloren in der virtuellen Welt


Marburger Projekt gegen Mediensucht erhält großzügige Spende


Von Karl-Günter Balzer

Strahlende Gesichter bei der Übergabe von Blumen und Spende: Dipl.-Psych. Dirk Strüwing, Mediclin (v.l.n.r.), Servet Dag,

Pfr. Ulrich Kling-Böhm, Sebastian Reinhard, DWO, Jana Becker, DWO, Katharina Grijasin, Mediclin (Foto: Karl-Günter Balzer).

Marburg. Der Sohn spielt Stunden über Stunden am PC oder der Spielekonsole. Die Tochter chattet und selbst beim Essen ist sie nur schwer dazu zu bewegen, nicht auf den Bildschirm zu starren. Das ist gar nicht so selten. Aber dann gehen irgendwann die Noten in den Keller. Freunde gibt es fast nur noch im Internet. Das Kind reagiert gereizt, wenn Computer oder Handy einmal nicht genutzt werden können oder dürfen. Und irgendwann fragen die Eltern besorgt: „Du bist ja nicht mehr Du selbst?!“.

 

Der Medienkonsum kann suchtartige Züge annehmen. Und die Auswirkungen auf den Betreffenden und sein soziales Umfeld sind kaum weniger gravierend als andere Süchte. Offiziell anerkannt als Erkrankung  ist das bisher noch nicht, aber das Leid ist da. Und so hat die Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werkes Oberhessen (DWO) längst ein Beratungsangebot gestartet.

Das Projekt nennt sich Go-onlife und will Betroffenen zu einem normalen Leben und Umgang mit den Medien verhelfen. Meist findet ein erstes Gespräch mit den besorgten Eltern statt, denn die Einsicht bei den Jugendlichen ist meist sehr gering oder gar nicht ausgeprägt. Aber oft gelingt die Kontaktaufnahme und es kommen hilfreiche Gespräche zustande, aus denen Hilfe erwächst. Dazu trägt bei, dass Jana Becher und Sebastian Reinhard, die für diesen Arbeitsbereich stehen, auf den erhobenen Zeigefinger verzichten und stattdessen auf Respekt und Vertrauen setzen.  43 Klienten haben die beiden im Jahr 2014 betreut.

 

Auch vorbeugende Maßnahmen gehören zum Angebot der beiden Fachleute. So bieten sie Schülerworkshops und die Fortbildung von pädagogischen Fachkräften an. Jüngstes Projekt ist in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer ein Workshop für Auszubildende.  Manchmal kommen Becher und Reinhard auch an ihre Grenzen. Wenn Beratung nicht mehr reicht und therapeutische Maßnahmen nötig werden, weil z. B. Depressionen oder Angstzustände mit der Mediensucht einhergehen. Dann wird die Vermittlung in eine spezialisierte Klinik empfohlen.

 

Die Mediclin Klinik für Akutpsychosomatik in Bad Wildungen behandelt unter anderem auch Mediensüchtige. Hier ist man so überzeugt von dem Angebot der Sucht- und Drogenberatung des DWO, dass man im vergangenen Jahr auf Weihnachtsgeschenke verzichtete. Stattdessen wurden die Mitarbeiter gefragt, wem man den entsprechenden Betrag zukommen lassen könne. Die Wahl fiel mit klarer Mehrheit auf Go-onlife.

 

Am vergangenen Montag (19.01.) wurde die Spende in Höhe von 5000 Euro in den Räumen der Sucht- und Drogenberatung in Marburg übergeben. Servet Dag, der Kaufmännische Direktor von Mediclin erklärte dabei, dass man die professionelle Beratung in Marburg unterstützen und würdigen wolle. Diakoniepfarrer Ulrich Kling-Böhm dankte und konnte seine Erleichterung nicht verbergen. Wie sich herausstellte, stand die Fortführung des Projektes auf der Kippe, da die Finanzierung allein aus Eigenmitteln, Kirchensteuern und Spenden erfolgen muss. Für die Klienten ist die Beratung in jedem Fall kostenlos und vertraulich. Somit ist durch die großzügige Spende von Mediclin die Fortführung von Go-onlife für das Jahr 2015 gesichert.

 

 

Kontakt:

Sucht- und Drogenberatung, Frankfurter Str. 35, 35037 Marburg. Tel: 06421 26033. Mail: kontakt@go-onlife.de. Internet: www.go-onlife.de. Spendenkonto: KKA Marburg. IBAN: DE81 5206 0410 0002 8001 01, Verwendungszweck: DWO Go-onlife.

MediClin Klinik für Akutpsychosomatik, Ziergartenstr. 9, 34537 Bad Wildungen-Reinhardshausen, Tel. 05621 796885, Mail: info.hahnberg@mediclin.de. Internet: www.mediclin.de.

Literatur zum Thema: